B1.1 Expertenstandard Sturzprophylaxe & Sturzrisikofaktoren - Online Weiterbildung | kenbi Akademie

B1.1 Expertenstandard Sturzprophylaxe & Sturzrisikofaktoren

Gründe der Auseinandersetzung

• um Stürze zu vermeiden bzw. Risiken zu erkennen und zu vermindern

 

• um Sicherheit für den Pflegebedürftigen zu schaffen und Gefahren für seine Gesundheit abzuwenden

 

• um Selbstständigkeit und Unabhängigkeit des Pflegebedürftigen zu erhalten

 

• um prophylaktische Maßnahmen festzulegen und umzusetzen

Bezug der Pflegetheorien

Ganzheitlichkeit =

Einheit von Leib, Seele und Geist

• verlangt Komplexität in der Pflege

 

• Beobachtung, Einschätzung und Berücksichtigung des Gesundheitszustandes, aller Handlungen, Äußerungen und Ressourcen/Fähigkeiten des Pflegebedürftigen bei der
Bewältigung der Aktivitäten des täglichen Lebens

 

• die Gesamtheit der Ergebnisse bildet die Grundlage und ist Teil des gesamten Pflegeprozesses

 

Virginia Henderson (Grundbedürfnisse) 

Nancy Roper (Modell des Lebens)

Monika

Krohwinkel

(AEDL/

ABEDL)

Liliane

Juchli

(ATL)

Dorothea

Orem

(Aktivitäten)

sich bewegen / an der Körperhaltung arbeiten

sich bewegen

(sich bewegen können)

sich bewegen

Erhalten eines Gleichgewichtes zwischen Aktivität und Ruhe

Selbstgefährdung und Gefährdung anderer vermeiden

Für eine sichere Umgebung sorgen

Für eine sichere (und fördernde) Umgebung sorgen können

Sich sicher fühlen und verhalten

Abwendung von Gefahren für Leben, menschl. Funktionsfäh. und Wohlbefinden

Bedeutung von Bewegung für den Menschen

• Bewegung ist Leben – Leben ist Bewegung

 

• Bewegung ist ein Mittel,

sich im Leben zurechtzufinden,

dabei zu sein,

selbstständig zu sein

 

• Bewegung ist der koordinierte Einsatz von Muskeln, Sehnen, Gelenken, des Bewegungsapparates und des Zentralnervensystems

Aufgaben des Nervensystems: Koordination aller Vorgänge im Körper

Willkürliches

der Skelettmuskulatur

auf Sinneseindrücke spezialisiert und Fähigkeit, bewusst auf die Umwelt zu reagieren

Unwillkürliches

(vegetatives)

Beeinflussung der inneren Organe und Drüsen durch vorwiegend unbewusste Steuerung

auf Sinneseindrücke spezialisiert und Fähigkeit, bewusst auf die Umwelt zu reagieren

Bewegungsapparat
  • Während die Knochen ein festes Gerüst, das Skelettsystem, bilden und für die notwendige Stabilität sorgen, verdanken wir Gelenken und Muskulatur unsere Beweglichkeit.

Skelett: 

  • Gesamtheit aller Knochen

  • sichert dem Körper Stabilität

  • ist Speicher für Mineralstoffe wie Kalzium und Phosphat

  • Produktionsstätte für Blutzellen

Aufbau eines Knochens

• Umhüllung sämtlicher Knochen mit einer Knochenhaut

• Inneres des Knochens: Spongiosa (schwammartiges mit Hohlräumen versehenes Gewebe), in die das Knochenmark eingelagert ist

Gelenke
  • Körperbewegungen finden an den Verbindungsstellen zwischen den einzelnen Knochen, den Gelenken, statt

  • Gelenk (Diarthrose): bewegliche Verbindung zweier Knochen, erlaubt Bewegungen in eine oder mehrere Achsen, z.B. Schulter-, Hand- oder Hüftgelenke

Skelettmuskulatur
  • ermöglicht durch Anspannung und Erschlaffung die aktive Bewegung des menschlichen Körpers und die aufrechte Körperhaltung

  • Beteiligung an der Wärmebildung

Veränderungen des Bewegungsapparates im Alter

• Abnahme der Muskelmasse (bis zum 70. Lebensjahr um etwa 30 %) durch weniger Bewegung und Inaktivität

 

• Verlust der Elastizität, Dehnbarkeit, Reißfestigkeit und Gleitfähigkeit von Sehnen, Bändern und Muskeln

 

• Abnahme des Mineralgehaltes in den Knochen bereits ab dem 40. Lebensjahr (Verringerung der Knochendichte)

 

• Abnahme der Gelenkbeweglichkeit

 

• mögliche Veränderungen von Hirnfunktionen

 

–> Es kann zu Einschränkungen der Unabhängigkeiten und Selbstständigkeit sowie zu einer erhöhten Anfälligkeit von Stürzen und Knochenbrüchen kommen.

Sinnesorgane im Alter
Sturzrisiko

• variiert stark altersabhängig (am höchsten in der frühen Kindheit und im Alter, ca. 20 % der Erwachsenen zwischen 20-65 Jahren mind. einmal innerhalb von 2 Jahren, ca. 30 % und mehr bei über 65-Jährigen)

 

• mind. ein Sturz bei 40 % und mehr Pflegeheimbewohnern innerhalb eines halben Jahres, ca. 62 % bei Bewohnern mit Demenz (schwedische Studie, 2009)

 

• stationär: Rate von 2,6 Stürzen pro Bewohnerjahr, d.h. > 2 Stürze pro Bewohner pro Jahr

 

• ambulant: > 40 % der Patienten ab 80 Jahre oder mit gesundheitlich stärker beeinträchtigenden chronischen Erkrankungen 1 Sturz pro Jahr (deutsche Studien 2005-2011)

 

• ca. 40 % bei Erwachsenen mit geistiger Behinderung mind. 1 Sturz pro Jahr (britische Studie, 2010)

Definition "Sturz"

• „Ein Sturz ist ein Ereignis, bei dem der Betroffene unbeabsichtigt auf dem Boden oder einer anderen tieferen Ebene aufkommt.“

 

• Hiermit sind auch Stürze gemeint, in deren Folge die Betroffenen den Boden oder die tiefere Ebene nicht mit dem ganzen Körper berühren, sondern dort auch beispielsweise sitzen oder hocken.“

Sturzprophylaxe

häufigste gesundheitliche Einschränkungen:

• Inkontinenz

• Demenz

Stürze (lange Krankenhausaufenthalte, Schmerzen, zunehmende Behinderung, Einschränkungen der Mobilität, Erhöhung der Sterblichkeit)

Expertenstandard Sturzprophylaxe

•  „Der Expertenstandard hat zum Ziel, Pflegefachkräfte sowie Pflege- und Gesundheitseinrichtungen dabei zu unterstützen, basierend auf wissenschaftlichen Erkenntnissen und Expertenmeinungen, Stürzen vorzubeugen und Sturzfolgen zu minimieren.

 

• Dieses Ziel ist allerdings nicht durch eine Einschränkung der Bewegungsfreiheit zu erreichen, sondern vielmehr durch die Erhaltung bzw. Wiederherstellung einer größtmöglichen, sicheren Mobilität von Patienten/Bewohnern, verbunden mit einer höheren Lebensqualität.“

 

• „richtet sich an alle Pflegefachkräfte, die Patienten/Bewohner entweder in der eigenen häuslichen Umgebung oder in einer Einrichtung der stationären Gesundheitsversorgung oder einer stationären Pflegeeinrichtung betreuen“

 

• „bezieht sich auf alle Personen, die sich kurz- oder langfristig in pflegerischer Betreuung befinden“ (alle Altersgruppen, auch spezifische Gruppen, z.B. Menschen mit Behinderung)

Zielsetzung

“Jeder Patient/Bewohner mit einem erhält Sturzrisiko erhält eine Sturzprophylaxe, die Stürze weitgehend verhindert und Sturzfolgen minimiert”

Begründung

“Jeder Patient/Bewohner mit einem erhält Sturzrisiko erhält eine Sturzprophylaxe, die Stürze weitgehend verhindert und Sturzfolgen minimiert”

Voraussetzungen zur Umsetzung des Expertenstandards

Managementebene

• gemeinsame Verantwortung der leitenden Managementebene und der Pflegefachkräfte (Erstellung eines einrichtungsbezogenen Standards)

 

• Schaffung notwendiger struktureller Voraussetzungen, z.B. im Bereich Fortbildung

 

• Ermöglichung zielgruppenspezifischer Interventionsangebote

 

• Gewährleistung räumlicher und technischer Voraussetzungen (Empfehlungscharakter im ambulanten Bereich)

 

• Bereitstellung entsprechender Hilfsmittel

 

• Bereitstellen von Ressourcen zur Auswertung und Analyse von Stürzen

 

Pflegefachkraft

• aktuelles Wissen zur Identifikation eines Sturzrisikos

 

• Beratungskompetenz bezüglich des Sturzrisikos und geeigneter Interventionen

 

• Kenntnis über geeignete Interventionen zur Vermeidung von Stürzen und zur Minimierung sturzbedingter Folgen

 

• Autorisierung zur Koordination der Interventionen

 

• Befähigung zur individuellen Sturzerfassung und Sturzanalyse

Sturzrisikofaktoren

• systematische Identifizierung der Sturzrisikofaktoren im Hinblick auf die Planung der Interventionen (Maßnahmen)

 

• erneute Erfassung der Sturzrisikofaktoren bei Veränderungen der Pflegesituation und nach jedem Sturz

 

• wichtig: konsequent durchgeführte Erfassung der Sturzrisikofaktoren und deren Dokumentation

 

• „Jeder Sturz ist dokumentiert und analysiert.“

Personenbezogene Sturzrisikofaktoren

Beeinträchtigung funktioneller Fähigkeiten, z.B. Einschränkungen in den Aktivitäten des täglichen Lebens:

 

• Abhängigkeit von Pflegepersonen

 

• Essen und Trinken, Zubereitung, Einkauf

 

• sich waschen und kleiden

 

• sich beschäftigen

 

• für Sicherheit sorgen

Depression:

• lateinisch „deprimere/depressus“= herunterdrücken/ unterdrücken, Niedergeschlagenheit, traurige Stimmung
(Fremdwörterbuch)

 

• Interessenverlust

 

• Freudlosigkeit

 

• verminderter Antrieb

 

• gesteigerte Ermüdbarkeit

Beeinträchtigung sensomotorischer
Funktionen und/oder der Balance, z.B.
Einschränkungen der Gehfähigkeit
oder Balance-Störungen:

 

• Problem, zu gehen und dabei Balance
zu halten (Koordination sensorischer
und muskulärer Fähigkeiten im Alter
schwieriger)

 

• lokomotorische Störungen (den Gang
betreffend), (ca. 85 % Ursache der
Stürze!), Schritte werden kürzer, Füße
nicht mehr so stark angehoben und
abgerollt, Abnahme von Tempo und
Reaktionsgeschwindigkeit

 

• Parkinsonsche Erkrankung (Störung des Stoffwechsels in Hirnteilen u.a. mit Problemen in der Steuerung und Koordination der Motorik wie vorgebeugte Körperhaltung und kleinschrittiger Gang)

 

• Apoplexie (Durchblutungsstörungen wie Schlaganfall u.a. mit halbseitiger Lähmung, Schluck-, Sprach- und Sehstörungen)

 

• Polyneuropathie (Erkrankungen mehrerer Nerven u.a. mit Taubheitsgefühlen, Schmerzen und Muskelschwäche)

 

• Osteoarthritis (Gelenkerkrankungen u.a. mit Schmerzen, Steifheit und Funktionsverlust des Gelenkes)

Gesundheitsstörungen, die mit Schwindel, kurzzeitigem Bewusstseinsverlust oder ausgeprägter körperlicher Schwäche einhergehen, z.B.

 

• Hypoglykämie (Verminderung des Blutzuckers unter Normalwerte)

 

• haltungsbedingte Hypotension (absinkender Blutdruck)

 

• Herzrhythmusstörungen (erhöhter oder zu langsamer Herzschlag)

 

• Transitorische Ischämische Attacke (kurze Unterbrechung der Blutzufuhr des Gehirns)

 

• Epilepsie (wiederkehrende Anfälle oder zeitweilige Veränderungen einer oder mehrerer Gehirnfunktionen mit Bewusstseinsverlusten)

 

• Multiple Sklerose (Abbauerkrankung der Nervenbahnen im Gehirn und Rückenmark, u.a. mit spastischen Lähmungen verschiedener Muskelgruppen, Sensibilitätsstörungen, Sprach- und Sehstörungen)

kognitive Beeinträchtigungen (akut und/oder chronisch, z.B. Demenz, Delir=akute Verwirrtheit):

 

• Demenz (fortschreitender Verfall der geistigen Fähigkeiten infolge von Gehirnerkrankungen u.a. mit Unruhe, Erregungszuständen, zunehmenden Orientierungsstörungen, Sprach- und Gangstörungen)

 

• Delir (akute Verwirrtheit u.a. mit Desorientierung, Störungen des Schlaf- und Wachrhythmus, psychomotorischer Unruhe im Wechsel mit Apathie)

Kontinenzprobleme, z.B. Dranginkontinenz, Nykturie = vermehrte nächtliche Harnabsonderung, Probleme beim Toilettengang

• nicht hemmbare Kontraktionen der Blasenmuskulatur bei intaktem Verschlussmechanismus der Harnröhre

 

• Ursachen: ZNS-Störungen, z.B. Demenz, Apoplexie (Schlaganfall), Medikamente, Reizung der Blasenschleimhaut (z.B. Blasenentzündung, Blasensteine, Tumor)

 

• Symptome: starker Harndrang, häufiges Wasserlassen (auch nachts), unfreiwilliger Urinabgang, bei Harnweginfektionen Brennen beim Wasserlassen

 

Sehbeeinträchtigungen:
• zum Lesen wird mehr Licht als früher benötigt

 

• starkes, helles Licht blendet

 

• Bilder/Gegenstände erscheinen verwaschen/verzerrt, Sehen wird verschwommener, Lichter erscheinen glänzend und unscharf

 

• schwarze Flecken oder Punkte werden gesehen und wandern mit dem Blick mit

 

• Abnahme der Nahsichtigkeit (Alterssichtigkeit)

 

• schlechtere Unterscheidung der Farben blau, braun, beige

 

• Einengung des Gesichtsfeldes

 

• Auge benötigt mehr Zeit zur Anpassung an Hell-Dunkel-Situationen

 

• Reizungen der Horn- und Bindehaut sowie Verschluss des Tränenkanals führen zu ständigem Tränenfluss

 

Leichte Sehschwächen bis zur völligen Blindheit ➔ Gefahr von Depression, Apathie, Misstrauen, Vereinsamung, Angst ➔ Orientierungsverluste, Unsicherheit, Verwirrtheit, erhöhte Sturzrisiken

 

Sturzangst

Stürze in der Vorgeschichte

Medikamentenbezogene Sturzrisikofaktoren

• Antihypertensiva (blutdrucksenkende Arzneimittel)

 

• psychotrope Medikamente (Antidepressiva, Sedativa=Beruhigungsmittel, angstlösend wirkende Medikamente)

 

• Polypharmazie (Vielzahl eingenommener Medikamente, die die Körperwahrnehmung erheblich verändern, ab 4 Medikamente)

 

wichtig:

• sorgfältige Beobachtung des Patienten/Bewohners auf mögliche medikamentenbedingte Nebenwirkungen
• Anpassung der Medikamentation als ärztliche Aufgabe

Umgebungsbezogene Sturzrisikofaktoren

• freiheitsentziehende Maßnahmen

 

• Gefahren in der Umgebung

 

• inadäquates Schuhwerk

 

Umgebungsbezogenes Sturzrisiko freiheitseinschränkende Maßnahmen (FEM):

Jeder Mensch kann es für sich selbst entscheiden. ⇔ Andere Menschen können dies unter Umständen festlegen (Richter/Betreuungsrecht)

  • “keineswegs zum Zweck der Sturzprävention”

  • “oberste Prämisse Erhaltung und Förderung der sicheren Mobilität”

• im Ausnahmefall kann es im Rahmen der Sturzprophylaxe auch zum bewussten Einsatz freiheitseinschränkender/freiheitsentziehender Maßnahmen kommen, ansonsten nicht zulässig

 

• hierbei ist nach dem hierfür geltenden Standard zu verfahren

 

• besitzt der Patient/Bewohner keine Eigenbewegung mehr, kann das Ziehen des Bettgitters als Maßnahme der Sturzprophylaxe geplant werden

 

• Vorrang hat Erhaltung der Mobilität auch wenn dies Stürze nach sich ziehen kann (Pflegeplanung)

 

unangepasstes Schuhwerk:
• Schuhe mit rutschfester Sohle und festem Fersenhalt (Ausnahme Parkinsonpatienten und Pflegebedürftige mit schlürfendem Gang)

 

• rutschhemmende Socken bei Pflegebedürftigen, die nachts Socken tragen und damit aufstehen

 

Gefahren in der Umgebung, z.B. Hindernisse auf dem Boden, zu schwache Kontraste, geringe Beleuchtung:

 

• innerhalb von Gebäuden und Räumen (schlechte Beleuchtung, steile Treppen, mangelnde Haltemöglichkeiten, glatte Böden, Stolperfallen wie Teppichkanten und Stufen)

 

• außerhalb von Räumen und Gebäuden (unebene Gehwege und Straßen, mangelnde Beleuchtung und Haltemöglichkeiten, Wetterverhältnisse)

 

Alles verstanden?

Solltest Du noch weitere Fragen zu diesem Thema haben, so kannst du dich gerne auf folgenden Wegen bei uns melden.

 

telefonisch:

Kenbi Campus 0171/ 3140321 oder

Mail: campus@kenbi.de

 

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